Termine bei Psychologen sind rar und der Krisendienst-Ausbau in Ostbayern dauert an
Von Sonja Esmailzadeh Landshut/Regensburg.
Während der Corona-Krise suchen immer mehr Menschen psychologische Hilfe. Zugleich hinken die psychiatrischen Krisendienste in Ostbayern hinter ihren seinerzeit anvisierten Zeitplänen hinterher. Das Ziel des psychiatrischen Krisendienstes: Menschen in akuten, psychischen Krisen helfen und die Zahl der Zwangseinweisungen in die Psychiatrie reduzieren. Mit dem Bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz, das zum 1. August 2018 in Kraft trat, sollten die Dienste bayernweit ausgebaut werden. Gesetzlich vorgesehen ist der Krisendienst ab Juli 2021. Doch die Ziele der Bezirke waren ambitionierter: 2019 wollte die Leitstelle des Krisendienstes in Schwandorf ihre Arbeit aufnehmen. Eine aktuelle Anfrage beim Bezirk in der Oberpfalz ergibt aber, dass sich der Krisendienst erst im Aufbau befindet. „Mit einem Start des neuen Angebotes ist im November 2020 zu rechnen“, sagte Bezirkssprecher Günter Bonak. „Niederbayern ist ein weißer Fleck auf der Karte“ Viele suchen aber gerade jetzt Hilfe, bestätigten die Landshuter Psychotherapeuten Alexander Grundl und Martina Preis unserer Zeitung. Zusätzlich zu den ohnehin vielen Anfragen sei nun eine deutlich erhöhte Nachfrage spürbar.
Kurzarbeit, Homeschooling, Isolation und Kontaktverbote – all jene Probleme hinterließen Spuren. Weil es sich laut den Therapeuten generell schwierig gestalte, Termine zu bekommen, erscheint der zügige Ausbau eines zentralen Krisendienstes umso dringender. Denn es fällt schwer, schnell zusätzliche Kapazitäten zu bündeln. Bis dahin müssen vor allem Ehrenamtliche diverser Organisationen und Verbände die Arbeit auffangen. Denn auch beim Bezirk Niederbayern stockt der Ausbau. Auch dort hieß es Anfang 2019 „Der psychiatrische Krisendienst Niederbayern nimmt Gestalt an.“ Nach aktuellen Informationen des Bezirks soll er aber erst zum 1. Februar 2021 starten. „Die Stellenausschreibungen laufen“, heißt es. Die Leitstelle in Niederbayern ist am Bezirksklinikum Landshut angesiedelt. Der Freistaat trägt die Kosten. Krankenhausdirektor Stefan Eichmüller sagte auf Nachfrage, dass es ein großes Hin und Her gegeben habe, was die Kostenerstattung angehe. Niederbayern wollte als Bezirk ohnehin später mit dem Krisendienst anfangen, da noch viele Fragen zu klären gewesen seien. Manche haben stärkere Ängste entwickelt Deshalb kritisierte die SPD-Landtagsabgeordnete Ruth Müller aus Landshut den mobilen Krisendienst in ihrer Heimat Niederbayern laut Mitteilung als „weißen Fleck auf der Landkarte“. In der Antwort auf eine Anfrage der SPD-Politikerin teilte die Staatsregierung mit, dass es von März bis Mai bei 17 Telefonseelsorgestellen in Bayern mehr Anrufe im Vergleich zum Januar gab – sowohl bei Telefonaten, als auch bei Chats. Vor allem ehrenamtliche Helfer hatten das digitale Angebot wegen der aktuellen Krise ausgeweitet. Waren es im Januar noch 310 Chats, so stieg die Zahl im März auf 690 und im April auf 1 073. Die Zahl der Suizide in Bayern ist während des Lockdowns im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, wie dem polizeilichen Vorgangsprogramm (IGVP) zu entnehmen ist. Waren es im Zeitraum von März bis Mai 2019 etwa 886 Fälle, so sind es im selben Zeitraum 2020 955. Ob es bei den Fällen einen Zusammenhang zur Corona-Krise gebe, konnte die Staatsregierung in einer früheren Anfrage nicht beantworten. Die Differenzierung zu anderen Belastungen sei „kaum realisierbar“, hieß es. Günter Bonak, Bezirkssprecher der Oberpfalz, sagte, dass einige Patienten neue Ängste entwickelt hätten und es während der Krise viele Kurzberatungen gegeben habe, wie ihm Beratungsstellen in der Oberpfalz berichtet hätten. Andere Patienten hätten viel Erfahrung mit Krisen und die aktuelle Situation daher gut gemeistert. Zahlen zu einem womöglich höheren Betreuungsaufkommen würden erst Ende 2020 oberpfalzweit ausgewertet. Krankenhausdirektor Eichmüller sagte, das stationäre Betreuungsaufkommen hätte sich in der Zeit des Lockdowns nicht geändert, eher noch sei es wegen der Hygieneregeln heruntergefahren worden. Er hätte nur von mehr Krankschreibungen und seelischen Erkrankungen in der Zeitung gelesen. Wie häufig Menschen den Krisendienst in Anspruch nehmen, zeigt das Beispiel Oberbayern. Für die Region ist der Krisendienst seit 2017 aktiv. Nach dessen Modell sollen die anderen aufgebaut werden. Den Krisendienst erreichen laut der Internetseite rund 22 000 Anrufe im Jahr, zur Zeit des Lockdowns von März bis Mai habe es aber keinen höheren Bedarf gegeben. Anders in Mittelfranken, wo es den bisher einzigen weiteren Dienst in Bayern gibt. Dort gab es im Vergleich zum Vorjahr 15 Prozent mehr Bedarf. Der Service in Ostbayern soll stufenweise ausgebaut werden. Von fünf Stunden auf 24, sieben Tage in der Woche. 10,5 Stellen für Mitarbeiter aus den Bereichen Psychologie und Sozialpädagogik stehen jeweils in Niederbayern und in der Oberpfalz zur Verfügung. Deren Aufgabe ist vor allem die telefonische Beratung und Vermittlung. Im Notfall soll die Leitstelle aber auch mobile Teams losschicken. Auch Netzwerkpartner wie die Polizei, die Caritas, Diakonie sowie psychiatrische Kliniken gebe es, um Parallelstrukturen zu vermeiden, hieß es. Man kann sich das in der Praxis wie beim zentralen Rettungsdienst mit einer Koordinierungsstelle vorstellen, die nach einem ersten Gespräch an den richtigen Netzwerkpartner vermitteln würde. Dahinter stünde viel Manpower. Doch dazu muss der Krisendienst erst seine Arbeit aufnehmen.