
SPD-Politiker Martin Schulz zu Gast im Maristen-Gymnasium Furth
Für den ehemaligen Kanzlerkandidaten aus Würselen in der Städteregion Aachen nahe der niederländischen und belgischen Grenze bedeutete Europapolitik immer eine Politik für die Heimat. Als Martin Schulz diese in Gefahr sieht, tauscht er das Europaparlament gegen den Deutschen Bundestag. Bei seinem Besuch am Further Maristen-Gymnasium hält er für die Schüler Tipps zur politischen Gestaltung des Alltags bereit – und erhält von Oberstudiendirektor Christoph Müller und seiner erweiterten Schulleitung Einblicke in den Status quo einer – wie Landtagsabgeordnete Ruth Müller es augenzwinkernd nennt – „klösterlichen Insel der Glückseligkeit“.
Wo normalerweise am Further Gymnasium die Schulbusse halten, parkt ein Polizeiauto. Am vorderen Eck des Mensagebäudes behält ein Sicherheitsbeauftragter die Situation im Auge. Bei der Vielzahl an Schülern, die neugierig tuschelnd die Köpfe nach Martin Schulz recken, ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Dabei hätte alles anders kommen können: Eigentlich wollte Schulz nämlich Fußballprofi werden. Bis zum Alter von 17 oder 18 Jahren – das weiß er selbst nicht mehr so genau – durchläuft er recht erfolgreich die Jugendmannschaften. Dann hängt er den Traum an den Nagel – und landet nach einigen Umwegen in der Politik und 1994 im Europaparlament, in dem er ab 2014 sogar das Amt des Präsidenten innehatte.
Nach 23 Jahren in der europäischen Politik sieht er im eigenen Land Handlungsbedarf: „Es gibt bei uns derzeit eine Partei, die in der Spitze offen rechts ist. Wohin das führt, kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen“, erklärt er einer Further Oberstufenklasse. Einige Schüler durften jüngst selbst das Europäische Parlament in Straßburg besuchen, die Eindrücke schilderten sie Schulz in Form eines kurzen Videos. „Das kenn ich alles“, freut sich Schulz am Ende der Präsentation – und beschwört die Heranwachsenden: „Die Stabilität der EU ist wichtig für den Frieden.“ Schulleiter Christoph Müller will seine Schüler zu demokratischen Erwachsenen erziehen: „Nehmt uns das nicht übel“, entschuldigt er sich mit einem Augenzwinkern. Doch der Weg zum mündigen Bürger ist steinig, findet nicht nur Schüler Michael: „Wie sollen wir das machen?“ „Mut“, so die einfache Antwort des SPD-Politikers. Man müsse im Alltag Zivilcourage zeigen – nicht allein, sondern gemeinsam Zeichen setzen.
Das wichtigste Thema sei für den 62-Jährigen das Leben der nächsten Generation. „Ich kannte immer nur mehr: Mehr Bildung, mehr Geld, mehr Freiheit“, führt Schulz aus und verweist auf den Unterschied zu vorherigen Generationen: „Meine Eltern kannten immer nur weniger – damit ihre Kinder mal mehr haben.“ Der Renationalisierung müsse man einen Riegel vorschieben – und wählen gehen. „Tragt Europa weiter“, ermutigte auch Landtagsabgeordnete Ruth Müller die Further Schüler.
Einblicke in den Schulalltag gab es für Schulz in einer Ganztagesklasse der sechsten Jahrgangsstufe: Zwischen zwei räumlich getrennten Bereichen wechseln die Lehrer hier fließend hin und her. Frontalunterricht funktioniere nicht von 8 bis 16 Uhr, man brauche zur Entzerrung eine Rhythmisierung des Schulalltags, erklärt Kurt Riedl, Leiter der Ganztagsschule. Eigene Ablagefächer, mobile Tafeln, ein bequemes Sofa, Tablets im Unterricht und bald ein Glasfaseranschluss für schnelles Internet – Müller freut das: „Von einer Bildungsmisere kann man in Furth nichts sehen.“ Der Oberstudiendirektor führt die positive Entwicklung des Maristen-Gymnasiums auf das „Further Modell“ der erweiterten Schulleitung zurück. 135 Anmeldungen im neuen Schuljahr sprechen eine deutliche Sprache – noch vor sieben Jahren fingen nur 68 Schüler in den fünften Klassen an. Dabei lege man Wert darauf, als private Schule nicht sozial exklusiv, sondern für jeden finanzierbar zu bleiben.
Doch auch in Furth schmälern altbekannte Probleme den „gigantischen Eindruck“, den Schulz gewonnen hat: Müller spricht von einer Nettolücke von bis zu 400 Euro, die ein Angestellter im Kirchendienst gegenüber einem verbeamteten Lehrer an einer staatlichen Schule zu verschmerzen habe. Beim Renteneintritt werde dieser Unterschied noch deutlicher: Bis zu 800 Euro mehr Pension erhalte ein Beamter im Staatsdienst, Anpassungen dahingehend gingen nur leise vonstatten. Trotzdem wolle man Schulz nicht „ein dickes Lastenheft“ mitgeben, dafür sei er schließlich der falsche Ansprechpartner. An welchen Stellschrauben man drehen kann, weiß der SPD-Politiker jedenfalls: „Wir müssen das Bildungsgefälle ausgleichen, sonst fallen wir zurück.“
Text: Florian Pichlmaier, Landshuter Zeitung